Wiesn Dirndl

Wer die Münchener Oktoberwiesen einmal besucht hat, weis, wie die Deutschen leben: Sie essen Sauerkraut, Knödel und Haxen den ganzen Tag, trinken viel Bier aus großen Gläsern und schunkeln dazu nach Blasmusik! Und die Frauen hierzulande tragen putzige Gewänder, welche oft erfreulich tiefe Einblicke gewähren, jedenfalls tun sie es da, wo es Zünftig zugeht und wo “Gsuffa” wird! Das Wiesn Dirndl der Kellnerinnen in den Festzelten und Biergärten gehört zum Oktoberfest wie der Kater am Tage danach. Doch falls der Ortsfremde meint, in dieser Aufmachung eine gediegene Volkstracht zu sehen, so irrt er!

Schon das Wort Dirndl lässt bei dem einen oder anderen die falschen Assoziationen aufkommen. Es meint im Kern nämlich nicht die Dirne, sondern die Dirn, also das Mädchen oder die Magd. Ohne jede Anzüglichkeit, ganz wie im Norddeutschen die Deern mit gleicher Bedeutung. Auch, und das wäre für unseren Ausländer-Freund schon der nächst Irrtum, handelt es sich nicht um eine Regionaltracht. Diese würde ja genau den Herkunftsort, den Stand sowie die Vermögensverhältnisse der Trägerin preisgeben. So soll der Job einer Kellnerin auf der Wiesn zwar sehr anstrengend aber auch lukrativ sein, doch ihrem Wiesn Dirndl anzusehen ist das nicht!

Es waren die Damen der sommerfrischen Oberschicht im ausgehenden 19. Jahrhundert, welche die bequemen Baumwollkleider für sich entdeckten. Im Urlaub gab man sich gern ein bisschen volkstümlich, das kennen wir von uns heute ja noch, und klaubte aus den Regionaltrachten zusammen, was schick erschien. Das Wiesn Dirndl war erfunden! Als Kleidungsstück für den Alltag erlebte es im folgenden Höhen und Tiefen, änderte sich mit der Mode, kam aus derselben, war als spießig verpönt und erlebte schließlich als Abendrobe eine elegante Renaissance. Allerdings sah und sieht man heute noch im Alltagsbild nur noch selten Volkstrachten. Und so bekam das Wiesn Dirndl schließlich sein Alleinstellungs-Merkmal, wie man auf Neudeutsch sagt. So wurde es endlich zu einer Art Uniform für die Oktoberfest-Gemütlichkeit. Und für manchen Berauschten wird seit jeher so ein Wiesn Dirndl mit reichlich “Holz vor der Hütt’n” das Letzte sein, das er bewusst wahrnimmt, bevor er in die große Seligkeit entschlummert!